Der Schalter

Albert Einstein.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlicht er wissenschaftliche Arbeiten, die unser Verständnis von Raum, Zeit, Licht und Materie verändern werden. Später wird er zu einem der berühmtesten Wissenschaftler der Geschichte. Zerzauste Haare, Relativitätstheorie, Genie. Ein Gesicht, das vermutlich mehr Menschen erkennen als die eigentliche Gleichung erklären könnten.

So kennen wir die Geschichte. Jetzt ändern wir genau eine Sache. Es wird dunkel.

Klick.

Das Licht geht wieder an. Albert Einstein heißt jetzt Albertine Einstein. Sonst ist alles gleich. Dieselben Arbeiten. Dieselben Gedanken. Dieselbe Relativitätstheorie. Dieselbe Zeit und Welt.

Und trotzdem passiert etwas in meinem Kopf. Ich finde ihre Geschichte bemerkenswerter.

Nicht ihre wissenschaftliche Leistung. Die haben wir schließlich nicht verändert. Aber eine Frau, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer der bedeutendsten Figuren der Physik wird, fühlt sich für mich außergewöhnlicher an als ein Mann, der exakt dasselbe erreicht.

Warum?

Vielleicht hilft der Gegenversuch.

Jeanne d’Arc. Eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen bekommt religiöse Visionen, gelangt zum französischen Thronfolger und zieht schließlich mit einem Heer in den Krieg.

Wieder dunkel.

Klick.

Jeanne wird Jean d’Arc. Alles andere bleibt gleich.

Und wieder passiert etwas in meinem Kopf. Nur diesmal in die andere Richtung.
Jean d’Arcs Geschichte wäre immer noch außergewöhnlich. Ein junger Bauernsohn, der aufgrund religiöser Visionen plötzlich mitten in den politischen und militärischen Ereignissen seiner Zeit landet, ist alles andere als gewöhnlich. Aber für mich verliert die Geschichte etwas.

Nennen wir das vorläufig den Jeanne-d’Arc-Effekt.

Wir haben an der eigentlichen Leistung nichts verändert. Und trotzdem verändert sich meine Bewertung.
Vielleicht liegt genau darin das Problem mit meinem kleinen Schalter.

Wir können einen Menschen offenbar nicht betrachten, ohne auch die Welt um ihn herum zu sehen.

Wann hat er gelebt? Wo hat sie gelebt?
Welche Möglichkeiten standen dieser Person offen und welche nicht?

Albertines Physik wäre nicht besser als Alberts Physik. Aber Albertine hätte sie in einer Welt entwickelt, in der ihr Geschlecht einen Unterschied machte.

Und Jean hätte dieselben Dinge getan wie Jeanne. Aber er hätte sie in einer Welt getan, in der sein Geschlecht ebenfalls einen Unterschied machte.

Vielleicht bewerten wir eine historische Leistung deshalb niemals vollkommen für sich. Vielleicht sehen wir immer auch den Weg, den ein Mensch zurücklegen musste, um überhaupt dort anzukommen.

Oder vielleicht passiert hier noch etwas ganz anderes.

Ich habe schließlich gerade erst einmal den Schalter umgelegt.blblblbl

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